1. Bleib stehen, atme durch und schau dich um
Wenn etwas Unerwartetes passiert, ist die erste Reaktion oft Panik. Deshalb hilft eine einfache Grundregel: stehen bleiben, tief durchatmen und sich gut umsehen. Hat das Kind seine Begleitperson verloren, sollte es möglichst dort bleiben, wo es sie zuletzt gesehen hat. Wer sofort weiterläuft und überall sucht, entfernt sich möglicherweise immer weiter vom vereinbarten Ort. Ausnahmen gelten natürlich, wenn sich dein Kind an einer gefährlichen Stelle befindet, wie etwa einer Straße, einem Bahngleis oder an einem abgelegenen Ort. Dann sollte dein Kind schnellstmöglich zu einem gut sichtbaren, sicheren Ort in der Nähe laufen.
2. Vollständigen Namen und Adresse kennen
Kinder sollten ihren Vor- und Nachnamen, ihre Wohnadresse und möglichst eine Telefonnummer der Eltern kennen. Das macht es Helfenden leichter, die Familie zu erreichen. Jüngere Kinder können diese Angaben mit einem kleinen Reim oder Lied üben. Zudem ist es hilfreich, wenn dein Kind ein Stück Papier oder Ähnliches bei sich trägt, dass es einem Erwachsenen zeigen kann, sollte es sich vor lauter Panik nicht an Adresse oder Telefonnummer erinnern.
Vorsicht: Persönliche Daten sollten nicht wahllos an fremde Menschen weitergegeben werden. Das Kind nennt oder händigt sie nur aus, wenn es wirklich Hilfe benötigt – beispielsweise gegenüber der Polizei, dem Rettungsdienst, einer Lehrkraft oder an einem Informationsstand.
3. Die zwei wichtigen Notnummern kennen: 110 und 112
In Deutschland gelten zwei zentrale Notrufnummern:
- 110 für die Polizei, zum Beispiel bei einer Bedrohung, einem Überfall oder wenn ein Kind akut verfolgt wird.
- 112 für Feuerwehr und Rettungsdienst, zum Beispiel bei einem Brand, einem schweren Unfall oder einem medizinischen Notfall.
Beide Nummern sind kostenlos. Kinder sollten wissen, dass sie im echten Notfall anrufen dürfen, auch wenn sie unsicher sind, ob die Situation „schlimm genug“ ist. Gleichzeitig sollte klar sein, dass ein Notruf niemals ein Scherz ist.
4. Bei einem Notruf immer zuerst den aktuellen Standort angeben
Bei einem Notruf stellt die Leitstelle Fragen und führt dein Kind Schritt für Schritt durch das Gespräch. Besonders wichtig ist der Ort: Wo ist etwas passiert? Kinder können sich an vier kurzen Punkte orientieren:
- Wo ist der Notfall?
- Was ist passiert?
- Wer ruft an?
- Warten auf Rückfragen.
Das Kind sollte nicht einfach auflegen, sondern am Telefon bleiben, bis die Leitstelle das Gespräch beendet. Kennt es die genaue Adresse nicht, helfen sichtbare Hinweise wie ein Straßenname, eine Haltestelle, ein Geschäft, eine Hausnummer oder ein auffälliges Gebäude.
5. Entferne dich bei Gefahr und mach laut auf dich aufmerksam
Fühlt sich dein Kind bedroht oder bedrängt, darf es deutlich Nein sagen, weglaufen und laut um Hilfe rufen. Höflichkeit ist in diesem Moment nicht wichtig. Entscheidend ist, Abstand zu gewinnen und andere Menschen auf sich aufmerksam zu machen. Ein klarer Satz wie „Lassen Sie mich in Ruhe! Ich kenne Sie nicht!“ zeigt Umstehenden sofort, dass es sich nicht nur um einen familiären Streit handelt. Das Kind sollte sich zudem wenn möglich nicht verstecken, sondern möglichst zu einem belebten und gut sichtbaren Ort laufen.
6. Niemals ohne Erlaubnis in ein fremdes Auto steigen
Kinder sollten niemals mit einer unbekannten Person mitgehen oder in ein fremdes Auto steigen. Auch dann nicht, wenn die Person behauptet, von den Eltern geschickt worden zu sein. Hilfreich ist beispielsweise ein geheimes Passwort. Nur wer dieses Wort kennt, wurde tatsächlich von den Eltern losgeschickt. Das Kennwort sollte leicht zu merken, aber für Außenstehende nicht zu erraten sein. Namen von Haustieren oder Geburtstage sind deshalb weniger geeignet.
Auch wichtig: Ein Erwachsener fragt normalerweise nicht die Hilfe eines fremden Kindes, um ein Tier zu suchen, einen Weg zu finden oder etwas aus einem Auto zu holen.
7. Suche gezielt eine sichere Ansprechperson
Natürlich ist nicht jede fremde Person automatisch gefährlich. Gerät ein Kind in Schwierigkeiten, sollte es wissen, wen es ansprechen kann. Geeignete Anlaufstellen sind zum Beispiel:
- Polizistinnen und Polizisten
- Mitarbeitende in Geschäften, Apotheken oder Arztpraxen
- Lehrkräfte, Busfahrerinnen und Busfahrer oder Sicherheitspersonal
- eine besetzte Kasse oder Information
- Eltern mit Kindern
Am besten zeigen Eltern ihrem Kind auf häufig genutzten Wegen konkrete „Hilfeinseln“: den Bäcker, die Apotheke, das Nachbarhaus oder ein Geschäft, in dem es sicher um Unterstützung bitten kann.
8. Keine gefährlichen Dinge anfassen und bring dich zuerst selbst in Sicherheit
Sieht ein Kind einen Unfall, ein Feuer, eine unbekannte Flüssigkeit, Medikamente, Kabel oder einen verdächtigen Gegenstand, sollte es Abstand halten und sofort einen Erwachsenen informieren. Helfen ist wichtig, aber das Kind darf sich dabei nicht selbst gefährden. Auf einer Straße bedeutet das beispielsweise: nicht zwischen die fahrenden Autos laufen, sondern aus sicherer Entfernung Hilfe rufen. Bei Rauch oder Feuer gilt: den Bereich verlassen, andere warnen und die 112 wählen.
9. Feste Notfallkontakte und Treffpunkte vereinbaren
Ein guter Familien-Notfallplan beantwortet drei Fragen:
- Wen rufe ich zuerst an?
- Wen rufe ich an, wenn Mama oder Papa nicht erreichbar sind?
- Wo treffen wir uns, wenn wir uns verlieren?
Neben den Eltern sollte das Kind mindestens eine weitere Vertrauensperson haben, etwa Großeltern, Nachbarn oder enge Freunde der Familie. Für Ausflüge, Feste und Freizeitparks lohnt sich immer ein gut sichtbarer Treffpunkt.
Die wichtigsten (Notfall-) Kontakte können zusätzlich auf einer Karte im Schulranzen stehen oder in einer Kinder-GPS-Uhr hinterlegt werden.
10. Nutze die SOS-Funktion nur, wenn du wirklich Hilfe brauchst
Trägt das Kind eine GPS-Uhr mit SOS-Taste, sollten Eltern die Funktion nicht nur einrichten, sondern gemeinsam mit ihm üben. Das Kind sollte wissen:
- Wo befindet sich die SOS-Taste?
- Wie lange muss sie gedrückt werden?
- Wer wird dadurch kontaktiert?
- In welchen Situationen darf sie benutzt werden?
Ein sinnvoller Einsatz wäre beispielsweise, wenn das Kind sich verletzt, sich akut bedroht fühlt oder allein nicht mehr weiterweiß. Für harmlose Fragen oder zum Ausprobieren ist die SOS-Funktion nicht gedacht. Eine Kinder-GPS-Uhr kann im Ernstfall dabei helfen, schnell Kontakt aufzunehmen und den Standort zu übermitteln. Sie ersetzt jedoch weder eingeübte Sicherheitsregeln noch die Fähigkeit des Kindes, gezielt andere Menschen um Hilfe zu bitten.
Notfallregeln richtig mit Kindern üben
Eine einmalige Erklärung reicht meistens nicht aus. Kinder behalten Regeln besser, wenn sie diese spielerisch und ohne Druck lernen. Eltern können kleine Alltagssituationen durchsprechen:
- „Was würdest du tun, wenn du mich im Einkaufszentrum nicht mehr siehst?“
- „Welches Geschäft auf deinem Schulweg ist unsere Hilfeinsel?“
- „Welche Nummer wählst du, wenn jemand schwer verletzt ist?“
- „Was sagst du, wenn dich jemand zum Mitgehen überreden möchte?“
Dabei sollte das Kind die Antworten selbst formulieren. Rollenspiele, ein Probe-Notruf ohne tatsächlichen Anruf und regelmäßige Wiederholungen machen aus abstrakten Regeln vertraute Abläufe. Eltern sollten außerdem darauf achten, nicht nur Gefahren zu beschreiben. Die wichtigste Botschaft lautet: Du darfst Nein sagen, du darfst weglaufen und du darfst dir Hilfe holen.
Einfache Regeln, die im Ernstfall einen großen Unterschied machen
Kinder können nicht auf jede denkbare Situation vorbereitet werden. Sie können aber lernen, kurz innezuhalten, Gefahren zu erkennen und die richtige Hilfe zu holen. Klare Notfallkontakte, bekannte Anlaufstellen und sicher beherrschte Notrufnummern geben ihnen Orientierung.
Technische Hilfsmittel wie eine GPS-Uhr mit SOS-Funktion können diese Vorbereitung ergänzen. Am wichtigsten bleibt jedoch, die Regeln gemeinsam zu besprechen und regelmäßig zu üben. So entsteht keine Angst, sondern ein gutes Gefühl: Wenn etwas passiert, weiß ich, was ich tun kann.
Mehr Info zur Vorbereitung deines Kindes auf Notfallsituationen findest du zudem hier.